Eigentlich alles wie immer? Warum es auf die Details ankommt
Stell dir vor, du bist auf einem Konzert deiner Lieblingsband. Tausend Mal schon hast du diesen einen Song gehört, zu Hause, allein mit Kopfhörern oder mit Freund:innen zusammen. Mit ihm verbindest du positive Gefühle und Gedanken und ihn jetzt live zu hören, wird das alles nur noch intensivieren – hoffst du. Doch es ist zu voll, die Anlage übersteuert, jemand rammt dir den Ellbogen in die Rippen, über deine Sneakers läuft lauwarmes Bier und die aufgedrehte Menge passt so gar nicht zu dir und deinem Moment, deinem Song. Und sobald die ersten Takte beginnen, willst du eigentlich lieber nach Hause.

Genauso kann die Einnahme psychoaktiver Substanzen verlaufen: Ein und dieselbe Substanz, dieselbe Dosierung und Einnahmeform, derselbe Mensch und doch variieren die Erfahrung und die subjektiv empfundene Qualität einer Erfahrung stark [1]. Der Grund: Sowohl die innere Einstellung (Set) als auch die Umgebung (Setting) haben starken Einfluss auf den Verlauf und die Effekte [2].
In diesem Artikel erfährst du, was du für ein möglichst positives Erlebnis tun kannst, besonders, wenn du noch wenige Erfahrung damit hast oder du ganz neu in die Thematik einsteigen willst.
Was deine Mittagspause mit deinem Feierabendjoint zu tun hat
Es klingt erstmal ungewohnt, denn viele von uns kennen körperlich wirksame Substanzen eher in Form von Medikamenten, die meist einen recht planbaren Verlauf nehmen. Die Schmerztablette gegen Kopfschmerzen wirkt in der Regel, ganz egal, ob du gerade gute Laune oder den schlechtesten Tag des Jahres hast. Psychoaktive Substanzen wie LSD oder Magic Mushrooms sind jedoch stark verbunden mit serotonergen System, insbesondere der Serotonin-2A-Rezeptor [3]. Cannabis beziehungsweise THC wirkt wiederum vor allem über das körpereigene Endocannabinoid-System [4]. Die Wirkung hängt also nicht nur von der Substanz ab, sondern auch davon, wer sie einnimmt, wie, wo und unter welchen Umständen. Und genau hier kommen Set und Setting ins Spiel.
Set: Was du mitbringst
Das Set beschreibt deine innere Verfassung. Dazu gehören deine Stimmung, deine Gedanken, Erwartungen, Ängste und deine aktuelle psychische Situation. Auch das, was vorher passiert ist, kann eine Rolle spielen.
Du hattest einen richtig miesen Tag, bist erschöpft oder hast gerade Stress mit einer Person? Dann nimmst du diese Gedanken nicht einfach bei der Einnahme ab und legst sie neben dich. Sie können Teil deiner Erfahrung werden. Umgekehrt kann eine vertraute Situation, in der du dich entspannt und sicher fühlst, anders auf deine Wahrnehmung wirken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass eine positive Einstellung automatisch zu einer positiven Erfahrung führt. Set und Setting sind keine Formel, mit der sich die Wirkung einer Substanz berechnen lässt. Sie sind vielmehr Faktoren, die beeinflussen können, wie du eine Erfahrung wahrnimmst und mit ihr umgehst.
Setting: Was dich umgibt
Das Setting ist dein äußeres Umfeld. Dazu gehören der konkrete Platz, die Umgebung, die Menschen um dich herum und die Stimmung der Situation. Auch Licht, Musik, Lautstärke, Privatsphäre oder bestimmte Regeln können relevant sein.
Ein ruhiger Abend mit vertrauten Menschen ist beispielsweise etwas anderes als eine überfüllte Party. In einem Fall hast du vielleicht das Gefühl, jederzeit kurz rausgehen oder dich zurückziehen zu können. Im anderen musst du dich mit vielen Reizen gleichzeitig auseinandersetzen. Herausfordernde Settings können grundsätzlich Orte mit vielen unbeteiligten Menschen und ungewohnten Reizen sein.
Auch deshalb kann dieselbe Substanz in unterschiedlichen Situationen komplett anders erlebt werden. Dein Umfeld wird gewissermaßen Teil der Erfahrung.
Das Zusammenspiel von Set und Setting
Set und Setting lassen sich nicht immer sauber voneinander trennen. Deine innere Verfassung beeinflusst, wie du deine Umgebung wahrnimmst – und die Umgebung kann wiederum deine Stimmung verändern.
Fühlst du dich beispielsweise schon vor dem Konsum unsicher, wirkt ein unbekannter Raum möglicherweise noch fremder. Ein unangenehmes Gespräch kann deine Gedanken weiter negativ beeinflussen. Umgekehrt können vertraute Menschen, ein bekannter Platz und eine ruhige Atmosphäre ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Genau dieser Zusammenhang macht das Konzept so interessant. Es geht nicht nur um die Frage: Welche Substanz wurde genommen? Sondern auch: Wer nimmt sie, in welcher Verfassung, in welchem Umfeld und unter welchen Bedingungen?
Woher kommt der Begriff?
Die Geschichte von Set und Setting ist eng mit der Geschichte der psychedelischen Forschung verbunden. Besonders Timothy Leary prägte die Begriffe Set und Setting. Der Psychologe beschäftigte sich intensiv mit LSD und anderen Psychedelika und betonte, dass die Erfahrung nicht unabhängig von der Person und ihrer Umgebung betrachtet werden könne.
Später untersuchte der US-amerikanische Psychiater Norman Zinberg den Zusammenhang von Droge, Individuum und sozialem Umfeld. Sein Ansatz ging über die reine pharmakologische Wirkung hinaus und betrachtete auch die sozialen Bedingungen des Drogenkonsums.
Damit wurde ein Gedanke wichtig, der heute wieder eine größere Rolle spielt: Eine Substanz existiert nicht losgelöst von ihrem Konsum. Es gibt immer auch eine Person, ein Umfeld und einen bestimmten sozialen Rahmen.
Cannabis: Warum auch dein Feierabendritual nicht immer gleich ist
Das lässt sich nicht nur auf Psychedelika übertragen. Auch bei der Einnahme von Cannabis können Set und Setting relevant sein.
Ob du Cannabis rauchst, verdampfst oder eine andere Darreichungsform verwendest, beeinflusst unter anderem, wie schnell und in welcher Form Wirkstoffe wie THC aufgenommen werden [4]. Gleichzeitig spielt deine persönliche Verfassung eine Rolle dabei, wie du die Effekte subjektiv erlebst.

Ein Joint nach einem entspannten Tag kann sich deshalb anders anfühlen als dieselbe Einnahme in einer angespannten Situation. Wenn du bereits nervös bist oder dich in einer unangenehmen Umgebung befindest, können sich bestimmte Empfindungen stärker in den Vordergrund schieben.
Auch hier gilt: Set und Setting erklären nicht alles. Dosis, Dosierung, Wirkstoffgehalt, Einnahmeform und individuelle Unterschiede bleiben wichtige Faktoren. Und das Risiko unerwünschter Effekte kann niemals ausgeschlossen werden.
Was du für dich mitnehmen kannst
Wenn du dich mit der Einnahme von psychoaktiven Substanzen und ihrer Wirkung beschäftigst, lohnt es, nicht ausschließlich auf die Rauschmittel zu schauen. Auch Ängste und Erwartungen prägen die Wahrnehmung von Erlebnissen. Ein paar Fragen können helfen, die eigene Situation besser einzuschätzen:
Wie ist deine aktuelle Verfassung?
Welche Gedanken und Erwartungen bringst du mit?
Fühlst du dich in deinem Umfeld sicher und wohl?
Welche Menschen sind dabei?
Kennst du die Substanz und ihre möglichen Effekte?
Gibt es einen ruhigen Platz, an den du dich zurückziehen kannst?
Ist klar, welche Regeln und Grenzen für die Situation gelten?
Gibt es eine nüchterne und vertrauenswürdige Begleitung, falls du dich unwohl fühlst?
Das alles sind keine Garantien für eine gute Erfahrung. Sie können dir aber dabei helfen, die Bedingungen bewusster wahrzunehmen und eine informierte Entscheidung für oder gegen eine Einnahme zu treffen.
Set und Setting bei LSD und Psilocybin
Besonders relevant wird das Thema bei Psychedelika wie LSD oder Psilocybin. Diese Substanzen können Wahrnehmung, Gedanken, Gefühle und den Bewusstseinszustand stark verändern, denn Psilocybin bindet an den Serotonin-2A-Rezeptor für Wahrnehmung [6]. Das heißt, was normalerweise vertraut und selbstverständlich erscheint, kann plötzlich ungewohnt wirken. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Psychedelika die Neurogenese anregen und die Persönlichkeit verändern können – hier ist also besondere Aufmerksamkeit geboten.
Keine Gebrauchsanweisung, nur eine Orientierungshilfe
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis: Set und Setting machen eine Erfahrung nicht vollständig planbar. Es besteht immer das Potenzial, dass du dich anders fühlst als erwartet oder gewünscht.
Du kannst aber deine Umgebung verändern, dich vorbereiten und dir Gedanken über deine persönliche Verfassung machen oder Tipps von Arzt, Ärztin oder erfahrenen Personen einholen. Auch hygienische Utensilien sind für die sichere Einnahme notwendig. Trotzdem bleibt die Wirkung psychoaktiver Substanzen individuell und teilweise unvorhersehbar. Auch eine vermeintlich perfekte Situation schützt nicht automatisch vor Angst, Überforderung oder anderen unerwünschten Effekten [1].
Das Konzept hilft deshalb vor allem dabei, den Blick zu erweitern. Nicht nur das Rauschmittel zählt, sondern das gesamte Zusammenspiel aus Person, Substanz, Umgebung, Beziehung und Umständen.
Oder, um zum Konzert vom Anfang zurückzukommen: Der Song bleibt derselbe. Aber wie du ihn erlebst, hängt eben von mehr ab als nur von der Musik allein.
Disclaimer:
ZOIKS befasst sich im Rahmen seiner Geschäftstätigkeit mit Medizinalcannabis. Der vorliegende Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information zum Thema „Set & Setting“ und verfolgt den Anspruch, dieses Thema in seiner gebotenen Breite darzustellen. Dies schließt notwendigerweise auch Ausführungen zu Substanzen und Rauschmitteln ein, die über den Bereich des Medizinalcannabis hinausgehen.
Die in diesem Beitrag enthaltenen Informationen stellen keine medizinische, therapeutische oder sonstige fachliche Beratung dar und ersetzen nicht die Konsultation einer approbierten Ärztin, eines approbierten Arztes oder einer sonst zur Heilbehandlung befugten Person. Sie sind weder als Anleitung noch als Empfehlung oder Aufforderung zur Einnahme, zum Konsum oder zur Anwendung von Substanzen jedweder Art zu verstehen.
ZOIKS übernimmt keine Verantwortung für Handlungen, die auf Grundlage der in diesem Beitrag dargestellten Informationen vorgenommen werden. Der Konsum von psychoaktiven Substanzen – gleich welcher Art – unterliegt eigenverantwortlichem Handeln und kann mit gesundheitlichen sowie rechtlichen Risiken verbunden sein, auf die an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen wird.
Für individuelle Fragen zur Anwendung von Medizinalcannabis wende dich bitte an das behandelnde Fachpersonal.kzukommen: Derselbe Song bleibt derselbe Song. Aber wie du ihn erlebst, hängt eben von mehr ab als nur von der Musik allein.


